Sandro Moraldo (2017). Roland Kaehlbrandt, Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben, Klostermann, Frankfurt am Main 2016, pp. 252. L'ANALISI LINGUISTICA E LETTERARIA, XXV(1), 262-262.
Roland Kaehlbrandt, Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben, Klostermann, Frankfurt am Main 2016, pp. 252
Sandro Moraldo
2017
Abstract
In der deutschen Sprachgemeinschaft, so die provokative These des Buches, „herrscht ein durch Gleichgültigkeit gekennzeichneter sprachlicher Dämmerungszustand“ (11). Zurückgeführt wird dieser auf den Drang der westlichen Zivilisation nach wirtschaftlicher Effizienz durch kulturelle Vereinheitlichung und Vereinfachung, die zu einer „niedrigschwelligen Massengesellschaft“ (10) geführt und sich u.a. in Deutschland schließlich sprachlich unmittelbar durchgeschlagen hat. Aus dem so umrissenen programmatischen Hintergrund der Studie erklärt sich, dass sie der Forschung kein neues Gegenstandsfeld eröffnen möchte, indem sie bisher unbeachtet gebliebene Facetten in dem insbesondere von der Laienlinguistik beklagten Verfall der deutschen Sprache in den Mittelpunkt ihrer Argumentation stellt. Ihre Nuancierungen bieten vielmehr der Forschung begriffliche Ausdifferenzierungen von der sprachpraktischen Verwendung des Deutschen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft an und gewinnen gerade daraus eine erfrischend wirkende Sogwirkung. Denn diesen Anspruch, einen konstruktiven, unvoreingenommenen Blick auf die tatsächliche Sprachwirklichkeit zu erproben, erfüllt Kaehlbrandts Studie in eindrücklicher Weise, weil er trotz der Komplexität des Themas mit einer bestechenden Genauigkeit im Detail argumentiert. Nach einem einleitenden Lob auf die deutsche Sprache, deren Vorzüge er in ihrer „geschmeidige[n] und durchsichtige[n] Wortbildung“, ihrem „hochdifferenzierten Satzbau mit elastischer Wortstellung zum Ausdruck feiner Bedeutungsunterschiede“ und dem „großen Angebot an Abtönungen zum Ausdruck vielfältiger Sprecherhaltungen“ (32) verortet, redet der Autor in weiteren 9 Kapiteln nicht nur dem „Imponierdeutsch“ (Kap. 2) das Wort, sondern nimmt auch die internationale Verkehrssprache Englisch und deren Verdrängungseffekt kritisch unter die Lupe (Kap. 3) und plädiert unvoreingenommen für eine bewusst gewollte Sprachenvielfalt innerhalb der Gemeinschaften. Im Anschluss werden die Abgehobenheit und schwere Verständlichkeit der Wissenschaftssprache Deutsch diskutiert (Kap. 4), bevor in der jeweils gebotenen Kürze die Frage nach neuen Wirklichkeiten in der sprachlichen Geschlechtergerechtigkeit erörtert wird. (Kap. 5) Einen weiteren Schwerpunkt verfolgt Kaehlbrandt in seinem Beitrag über die Vorzüge der „scheinbaren sprachlichen Lockerheit“ (129), wie sie dem Sprecher „durch die Allgegenwart und Einfachheit des Kiezdeutsch“ (144) entgegentritt (Kap. 6). Ihm geht es um die Problematik, dass unreflektierte Verwendung dieses Ethnolekts dazu führt, dass sich zum einen die Sprache von der Norm entfernt, zum anderen auch die Sprecher in einer „gesellschaftlichen und beruflichen Sackgasse“ (144) zu landen drohen. Vor diesem Hintergrund tritt der Autor in Kap. 7 für „ein klares Bekenntnis zur deutschen Hochsprache als anzustrebender Bildungsnorm“ (164) ein, die auch auf einer verlässlichen Sprachförderung von Zuwanderern basiert. Folgerichtig wird in Kap. 8 das Thema Sprache und Norm verhandelt. Vertreten wird die Position, dass die Sprachgemeinschaft – falls sie eine staatliche Reglementierung der Sprache ablehnen sollte – den „Vereinfachungen und Verschleifungen“ (192) entschieden entgegenwirken muss. In den letzten beiden Beiträgen wird verstärkt aus der sprachpflegerischen Seite heraus argumentiert. Hier geht es sowohl darum, dem Deutschen als eine der verbreitetsten Kultursprachen in der Europäischen Union eine „besondere Rolle“ (218) zuzuerkennen (Kap. 9), als auch darum ihm durch eine „praktische Sprachförderpolitik“ (220) eine Zukunft in einer mehrsprachigen Gesellschaft zu sichern. Unbestreitbar weckt der Band das Interesse für sprachliche Nuancen, regt die Sprachreflexion an und fördert nicht zuletzt das individuelle Sprachgefühl.File in questo prodotto:
| File | Dimensione | Formato | |
|---|---|---|---|
|
ALL 1 2017_Rassegna di Linguistica tedesca.pdf
accesso aperto
Tipo:
Versione (PDF) editoriale / Version Of Record
Licenza:
Licenza per Accesso Aperto. Creative Commons Attribuzione - Condividi allo stesso modo (CCBYSA)
Dimensione
86.38 kB
Formato
Adobe PDF
|
86.38 kB | Adobe PDF | Visualizza/Apri |
I documenti in IRIS sono protetti da copyright e tutti i diritti sono riservati, salvo diversa indicazione.



