In der Komparatistik haben sich im Verlauf ihrer geschichtlichen Entwicklung zwei fachspezifische Arbeitsgebiete herauskristallisiert. Zum einen «die vergleichende Literaturgeschichte, die sowohl die Untersuchung der Wechselbeziehungen als auch die Erforschung der Gemeinsamkeiten der Einzelliteraturen umfaßt» und zum anderen «der vergleichend-theoretische und vergleichend-methodologische Zweig, der sich mit den in den einzelnen Ländern (bzw. Sprachgebieten) entwickelten Literaturtheorien und entsprechenden Methoden der Literaturwissenschaft und Literaturkritik beschäftigt». Diese Unterscheidung schlägt sich noch heute in Deutschland in der Umschreibung der Komparatistik in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft nieder. Hat es die Vergleichende Literaturwissenschaft mit dem ‹Abgleich› von Texten «aus mindestens zwei verschiedenen Sprachen» zu tun, bei dem grundsätzlich festzuhalten ist, «daß das Vergleichen sowohl auf das Unterschiedliche dessen, was verglichen wird, in Reinkultur aus ist, als auch auf das Gemeinsame», so stellt sich bei der Allgemeinen Literaturwissenschaft die Frage, «mit welchem theoretischen und methodischen Instrumentarium sie an ihre Probleme herangeht», wobei zu bedenken ist, «daß jede theoretische und methodologische Vorentscheidung eine zugleich ideologische und ästhetische Entscheidung ist». Bei solch einer ‹ideologischen› Prämisse kann es nicht verwundern, dass auf die Frage Was ist Literatur? nicht wenige Schulen eine Antwort zu geben versucht haben. «Daß Kunstwerke von den Verwertungsgesellschaften des Zeitgeistes höchste Aufmerksamkeit erhalten», schreibt der Komparatist Horst-Jürgen Gerigk, «wird sich niemals abstellen lassen», genauso wenig wie die zahllosen Interpreten, die «das Hantieren mit der Vokabular bestimmter Schulen beherrschen». Nicht zu Unrecht sprach René Wellek schon 1982 von einem ‹Angriff auf die Literatur›, der geradezu weltweit gegen die Berechtigung der schönen Künste überhaupt geführt werde. Ein Angriff, der bei genauer Sichtung der Sachlage auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. In seinem Essay The Attack on Literature wies er mit Nachdruck darauf hin, dass - «among several directions from which the attack on literature has come in recent decades» - diesen Angriffen ein Literaturbegriff zugrunde liege, der das Kriterium der künstlerischen Qualität ignoriere. Dass aber gerade dieses Kriterium dem historisch überlieferten Begriff ‹Literatur› entspricht, hat er in einer geschichtlichen Vergegenwärtigung dargelegt, die sich auf Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft (1790) beruft. Schon die zusammen mit Austin Warren geschriebene Theory of Literature (1949 erschienen, in revidierter Form 1956), die jedem angehenden Literaturstudierenden als Standardwerk bekannt sein dürfte, verdankt ihre «nicht nachlassende Aktualität der Kompromißlosigkeit, mit der alle interpretierenden Fremdbestimmungen des literarischen Kunstwerks (...) kenntlich gemacht und zurückgewiesen werden». Doch ungeachtet der subtilen Argumentationen und Warnrufe Welleks durchzog der Paradigmenwechsel in der Diskussion um die Funktionalisierung des literarischen Textes auch weiterhin das 20. Jahrhundert.

Komparatistik und Literaturtheorie oder Wider den Methodenpluralismus

MORALDO, SANDRO
2010

Abstract

In der Komparatistik haben sich im Verlauf ihrer geschichtlichen Entwicklung zwei fachspezifische Arbeitsgebiete herauskristallisiert. Zum einen «die vergleichende Literaturgeschichte, die sowohl die Untersuchung der Wechselbeziehungen als auch die Erforschung der Gemeinsamkeiten der Einzelliteraturen umfaßt» und zum anderen «der vergleichend-theoretische und vergleichend-methodologische Zweig, der sich mit den in den einzelnen Ländern (bzw. Sprachgebieten) entwickelten Literaturtheorien und entsprechenden Methoden der Literaturwissenschaft und Literaturkritik beschäftigt». Diese Unterscheidung schlägt sich noch heute in Deutschland in der Umschreibung der Komparatistik in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft nieder. Hat es die Vergleichende Literaturwissenschaft mit dem ‹Abgleich› von Texten «aus mindestens zwei verschiedenen Sprachen» zu tun, bei dem grundsätzlich festzuhalten ist, «daß das Vergleichen sowohl auf das Unterschiedliche dessen, was verglichen wird, in Reinkultur aus ist, als auch auf das Gemeinsame», so stellt sich bei der Allgemeinen Literaturwissenschaft die Frage, «mit welchem theoretischen und methodischen Instrumentarium sie an ihre Probleme herangeht», wobei zu bedenken ist, «daß jede theoretische und methodologische Vorentscheidung eine zugleich ideologische und ästhetische Entscheidung ist». Bei solch einer ‹ideologischen› Prämisse kann es nicht verwundern, dass auf die Frage Was ist Literatur? nicht wenige Schulen eine Antwort zu geben versucht haben. «Daß Kunstwerke von den Verwertungsgesellschaften des Zeitgeistes höchste Aufmerksamkeit erhalten», schreibt der Komparatist Horst-Jürgen Gerigk, «wird sich niemals abstellen lassen», genauso wenig wie die zahllosen Interpreten, die «das Hantieren mit der Vokabular bestimmter Schulen beherrschen». Nicht zu Unrecht sprach René Wellek schon 1982 von einem ‹Angriff auf die Literatur›, der geradezu weltweit gegen die Berechtigung der schönen Künste überhaupt geführt werde. Ein Angriff, der bei genauer Sichtung der Sachlage auch heute nichts von seiner Aktualität verloren hat. In seinem Essay The Attack on Literature wies er mit Nachdruck darauf hin, dass - «among several directions from which the attack on literature has come in recent decades» - diesen Angriffen ein Literaturbegriff zugrunde liege, der das Kriterium der künstlerischen Qualität ignoriere. Dass aber gerade dieses Kriterium dem historisch überlieferten Begriff ‹Literatur› entspricht, hat er in einer geschichtlichen Vergegenwärtigung dargelegt, die sich auf Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft (1790) beruft. Schon die zusammen mit Austin Warren geschriebene Theory of Literature (1949 erschienen, in revidierter Form 1956), die jedem angehenden Literaturstudierenden als Standardwerk bekannt sein dürfte, verdankt ihre «nicht nachlassende Aktualität der Kompromißlosigkeit, mit der alle interpretierenden Fremdbestimmungen des literarischen Kunstwerks (...) kenntlich gemacht und zurückgewiesen werden». Doch ungeachtet der subtilen Argumentationen und Warnrufe Welleks durchzog der Paradigmenwechsel in der Diskussion um die Funktionalisierung des literarischen Textes auch weiterhin das 20. Jahrhundert.
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Sandro M. Moraldo
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