1899 hält Karl Kraus die slowenischsprachigen Gebiete für unvorbereitet, sowohl die politische Eigenstaatlichkeit als auch eine Realunion mit Österreich nach dem Beispiel von Ungarn für sich zu beanspruchen. Darauf deutet das Schlusswort zu dem Beitrag Slovenisch-Deutsch im dritten Heft der Fackel hin, die Kraus von 1899 bis zu seinem Tod 1936 im Grunde selbstständig herausgibt und schreibt. Die SlowenInnen – so Kraus – könnten keinen legitimen Grund anführen, sich als Nation zu bezeichnen, und dies liege an ihrer Passivität; ihre unbedeutende politische Existenz sei die Folge ihres Nationalismus ohne Tiefe und Perspektive. Einem betrunkenen, feierwütigen, körperlich degenerierten Volk wie den SlowenInnen fehle ein nationalistischer Geist mit moralischen Grundlagen und infolgedessen der ideologische Klebstoff, der das Verhalten der BürgerInnen entscheidend beeinflussen könne. Die österreichische Regierung sei daran nicht unschuldig, sondern schüre aktiv Reibungen innerhalb des Reiches, um die „Erhaltung des eigenen Scheindaseins zu vermehren“. Zu diesen harten Schlussfolgerungen kommt Kraus in seinem Beitrag nach langen Überlegungen zum Nationalismus im Kaiserreich, einer der Hauptzielscheiben seiner Polemik. Eine derart drastische Haltung verweist auf keine spezifische Feindseligkeit gegen slowenische NationalistInnen: Die gesamte Schreibproduktion Kraus’ beweist seinen Argwohn gegen alle Formen des Nationalismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Gegenstand der Kontroverse sind die Verfälschungen, die Mitglieder der nationalistischen Parteien verbreiten, um auf Stimmenfang zu gehen. Die slowenischen Kleinparteien begründen ihre Emanzipationsforderungen mit der gemeinsamen Sprache der Völker, die in den verschiedenen Regionen des Reiches leben; im Gegenzug wehren sich die österreichischen politischen Eliten gegen den ausschließlichen Gebrauch des Slowenischen, selbst in Karnien, wo eine deutsche Minderheit lebt, die die sprachliche Assimilierung befürchtet und das Ziel eines idealen vereinten deutschsprachigen Österreichs verfolgt.
Campobasso, M.G. (In stampa/Attività in corso). (2025) “Die traurige Folge eines grundlosen und perspectivenlosen Nationalismus”: Karl Kraus und die slowenische Frage, in Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 43. MITTEILUNGEN AUS DEM BRENNER-ARCHIV, 43, 44-61.
(2025) “Die traurige Folge eines grundlosen und perspectivenlosen Nationalismus”: Karl Kraus und die slowenische Frage, in Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv 43.
Maria Giovanna Campobasso
In corso di stampa
Abstract
1899 hält Karl Kraus die slowenischsprachigen Gebiete für unvorbereitet, sowohl die politische Eigenstaatlichkeit als auch eine Realunion mit Österreich nach dem Beispiel von Ungarn für sich zu beanspruchen. Darauf deutet das Schlusswort zu dem Beitrag Slovenisch-Deutsch im dritten Heft der Fackel hin, die Kraus von 1899 bis zu seinem Tod 1936 im Grunde selbstständig herausgibt und schreibt. Die SlowenInnen – so Kraus – könnten keinen legitimen Grund anführen, sich als Nation zu bezeichnen, und dies liege an ihrer Passivität; ihre unbedeutende politische Existenz sei die Folge ihres Nationalismus ohne Tiefe und Perspektive. Einem betrunkenen, feierwütigen, körperlich degenerierten Volk wie den SlowenInnen fehle ein nationalistischer Geist mit moralischen Grundlagen und infolgedessen der ideologische Klebstoff, der das Verhalten der BürgerInnen entscheidend beeinflussen könne. Die österreichische Regierung sei daran nicht unschuldig, sondern schüre aktiv Reibungen innerhalb des Reiches, um die „Erhaltung des eigenen Scheindaseins zu vermehren“. Zu diesen harten Schlussfolgerungen kommt Kraus in seinem Beitrag nach langen Überlegungen zum Nationalismus im Kaiserreich, einer der Hauptzielscheiben seiner Polemik. Eine derart drastische Haltung verweist auf keine spezifische Feindseligkeit gegen slowenische NationalistInnen: Die gesamte Schreibproduktion Kraus’ beweist seinen Argwohn gegen alle Formen des Nationalismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Gegenstand der Kontroverse sind die Verfälschungen, die Mitglieder der nationalistischen Parteien verbreiten, um auf Stimmenfang zu gehen. Die slowenischen Kleinparteien begründen ihre Emanzipationsforderungen mit der gemeinsamen Sprache der Völker, die in den verschiedenen Regionen des Reiches leben; im Gegenzug wehren sich die österreichischen politischen Eliten gegen den ausschließlichen Gebrauch des Slowenischen, selbst in Karnien, wo eine deutsche Minderheit lebt, die die sprachliche Assimilierung befürchtet und das Ziel eines idealen vereinten deutschsprachigen Österreichs verfolgt.I documenti in IRIS sono protetti da copyright e tutti i diritti sono riservati, salvo diversa indicazione.


