Die These, die Errichtung der Repubblica Sociale Italiana (RSI) sei vom nationalsozialistischen Deutschland dekretiert worden, hat sich in der öffentlichen Meinung und bei manchen Historikern so weit durchgesetzt, daß die Frage »Diktat oder Konsens?« sonderbar oder gar provozierend erscheinen mag. Zieht man jedoch gedruckte und ungedruckte Quellen zu Rate, so zeigt sich rasch ihre Berechtigung, denn erste Antworten verweisen mit Blick auf Mussolini und andere Führungsfiguren der RSI sogar eher auf den Aspekt des Konsenses als auf Momente des Zwangs. Man kann diverse Quellengattungen heranziehen, um die Haltung der RSI zum Krieg der »Achse« zu untersuchen. Je nachdem, ob man mit öffentlichen Reden, Nachrichten und Propagandaschriften des Regimes, der internen Korrespondenz faschistischer Führungspersönlichkeiten und ihrem Schriftwechsel mit den Vertretern des Dritten Reichs arbeitet oder die praktische Politik untersucht, erhält man unterschiedliche Antworten. Zweifellos deckten sich die Meinungen der politischen Führer und militärischen Befehlshaber der RSI nicht immer, aber ebenso unbestreitbar votierten viele für einen Schulterschluß mit dem Dritten Reich; manche ahmten sogar das deutsche Vorbild nach, um sich nach dem italienischen »Verrat« wieder einer Partnerschaft würdig zu erweisen. Wie ein großer Teil der deutschen Soldaten so machten sich auch nicht wenige Funktionäre und Anhänger der RSI den Verratsvorwurf zu eigen, den die NS-Führung unter Goebbels’ Regie propagandistisch ausschlachtete. Daß die Republik von Salò den Krieg der »Achse« weiterführte, bedeutete nicht zwangs läufig, daß die deutsch-italienischen Beziehungen idyllisch oder auch nur frei von Spannungen und Mißverständnissen gewesen wären. Ebensowenig läßt sich daraus ableiten, daß jeder Angehörige der RSI von der Richtigkeit der deutschen Kriegführung überzeugt war und dem Verbündeten vollständig vertraute. Diese Italiener akzeptierten das Bündnis vor allem aufgrund ideologischer Gemeinsamkeiten, wobei sie entweder das faschistische Italien in einem »arischen« Europa stärken oder aber direkt an der Neuordnung Europas durch das Dritte Reich mitwirken wollten. Andere hielten an einer eher nationalen Sichtweise fest, ohne jedoch das Bündnis zwischen den beiden Diktaturen und seine militaristische, antiliberale, antidemokratische, antibolschewistische, bisweilen ausdrücklich rassistische und antisemitische Ausrichtung in Frage zu stellen. All dies legt den Schluß nahe, daß der italienische Faschismus zwischen 1943 und 1945 zweifellos stark geschwächt war und viel von seiner Integrationskraft verloren hatte, aber gleichwohl weiterhin eine tatkräftige politische Rolle zu spielen gedachte.

Diktat oder Konsens? Die Republik von Salò und das Dritte Reich

GAGLIANI, DIANELLA
2010

Abstract

Die These, die Errichtung der Repubblica Sociale Italiana (RSI) sei vom nationalsozialistischen Deutschland dekretiert worden, hat sich in der öffentlichen Meinung und bei manchen Historikern so weit durchgesetzt, daß die Frage »Diktat oder Konsens?« sonderbar oder gar provozierend erscheinen mag. Zieht man jedoch gedruckte und ungedruckte Quellen zu Rate, so zeigt sich rasch ihre Berechtigung, denn erste Antworten verweisen mit Blick auf Mussolini und andere Führungsfiguren der RSI sogar eher auf den Aspekt des Konsenses als auf Momente des Zwangs. Man kann diverse Quellengattungen heranziehen, um die Haltung der RSI zum Krieg der »Achse« zu untersuchen. Je nachdem, ob man mit öffentlichen Reden, Nachrichten und Propagandaschriften des Regimes, der internen Korrespondenz faschistischer Führungspersönlichkeiten und ihrem Schriftwechsel mit den Vertretern des Dritten Reichs arbeitet oder die praktische Politik untersucht, erhält man unterschiedliche Antworten. Zweifellos deckten sich die Meinungen der politischen Führer und militärischen Befehlshaber der RSI nicht immer, aber ebenso unbestreitbar votierten viele für einen Schulterschluß mit dem Dritten Reich; manche ahmten sogar das deutsche Vorbild nach, um sich nach dem italienischen »Verrat« wieder einer Partnerschaft würdig zu erweisen. Wie ein großer Teil der deutschen Soldaten so machten sich auch nicht wenige Funktionäre und Anhänger der RSI den Verratsvorwurf zu eigen, den die NS-Führung unter Goebbels’ Regie propagandistisch ausschlachtete. Daß die Republik von Salò den Krieg der »Achse« weiterführte, bedeutete nicht zwangs läufig, daß die deutsch-italienischen Beziehungen idyllisch oder auch nur frei von Spannungen und Mißverständnissen gewesen wären. Ebensowenig läßt sich daraus ableiten, daß jeder Angehörige der RSI von der Richtigkeit der deutschen Kriegführung überzeugt war und dem Verbündeten vollständig vertraute. Diese Italiener akzeptierten das Bündnis vor allem aufgrund ideologischer Gemeinsamkeiten, wobei sie entweder das faschistische Italien in einem »arischen« Europa stärken oder aber direkt an der Neuordnung Europas durch das Dritte Reich mitwirken wollten. Andere hielten an einer eher nationalen Sichtweise fest, ohne jedoch das Bündnis zwischen den beiden Diktaturen und seine militaristische, antiliberale, antidemokratische, antibolschewistische, bisweilen ausdrücklich rassistische und antisemitische Ausrichtung in Frage zu stellen. All dies legt den Schluß nahe, daß der italienische Faschismus zwischen 1943 und 1945 zweifellos stark geschwächt war und viel von seiner Integrationskraft verloren hatte, aber gleichwohl weiterhin eine tatkräftige politische Rolle zu spielen gedachte.
Die "Achse" im Krieg. Politik, Ideologie und Kriegführung 1939-1945
456
471
D. GAGLIANI
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