Die massive Abwanderung von Studenten vom Bologneser Studium stellt ein Druckmittel dar, das in den Momenten angewandt wird, in denen es zu einer Krise in der Beziehung zwischen der Studentenschaft insgesamt (oder bedeutsamer Teile) und der Regierung kommt. In der Geschichte der Natio Germanica am Bologneser Studium lassen sich in der frühen Neuzeit drei Momente ausmachen, in denen die Abwanderung tatsächlich erfolgt oder ernsthaft erwogen wird. Die Reaktion auf diese Ereignisse in der Stadt und bei den Regierungsorganen, sowohl den lokalen städtischen als auch den zentralen staatlichen, bilden eine Art Lackmustest für die Machtverhältnisse in der Stadt wie für die Bedeutung, die den Problemen des Studiums und der Anwesenheit der ausländischen Studenten beigemessen wurde. Die erste Episode ist allgemein bekannt und fällt in die Amtszeit des Vizelegaten Pier Donato Cesi, das heißt in eine Phase der zunehmenden Beschränkung der Autonomie und Freiheiten der Studentenschaft, was zu häufigen Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und den lokalen Vertretern der Zentralgewalt führte. Der zweite Fall von Anwanderung, der großes Aufsehen erregte, fällt in die siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts. In den zentralen Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts war es nach dem aristokratischen Verhaltenskodex für einen Adeligen ehrenrührig, von der normalen Justiz belangt zu werden, die Polizisten hatten einen absolut schlechten Ruf und sich in der Öffentlichkeit bewaffnet zu zeigen bildete einen charakteristisches Kennzeichen des Aristokraten. Wie aus einem Gesuch der Studenten an den Papst hervorgeht, in dem sie um die Bestätigung dieser Erlaubnis bitten, stellt die Möglichkeit, Waffen zu tragen, ein Element der Abgrenzung des Edelmanns gegenüber den Personen aus der einfachen Bevölkerung dar und trägt zu seiner ‚Würde und Ehrbarkeit’ bei. 1672 ging die Abwanderung direkt auf eine Verletzung des den Mitgliedern der Nation erteilten Privilegs zum Waffentragen durch den Bargello zurück. Die dritte drohende Abwanderung der Natio Germanica fällt in der Mitte des 18. Jahrhunderts in die Amtszeit des Legaten Giorgio Doria. Zur Lösung der massiven finanziellen und wirtschaftlichen Probleme der Bologneser Legation und als Voraussetzung für ökonomische Reformen hatte der Legat Doria mit Unterstützung des Reformflügels des Senats Finanz- und Steuerreformen in die Wege geleitet, die die steuerlichen und finanzielle Privilegien in Frage stellten, deren sich unter anderem Scholaren und universitäre Kollegs erfreuten.

Feindschaft und Zusammenleben zwischen „town“ und „gown”. Deutsche Studenten an der Universität Bologna.

PENUTI, CARLA
2009

Abstract

Die massive Abwanderung von Studenten vom Bologneser Studium stellt ein Druckmittel dar, das in den Momenten angewandt wird, in denen es zu einer Krise in der Beziehung zwischen der Studentenschaft insgesamt (oder bedeutsamer Teile) und der Regierung kommt. In der Geschichte der Natio Germanica am Bologneser Studium lassen sich in der frühen Neuzeit drei Momente ausmachen, in denen die Abwanderung tatsächlich erfolgt oder ernsthaft erwogen wird. Die Reaktion auf diese Ereignisse in der Stadt und bei den Regierungsorganen, sowohl den lokalen städtischen als auch den zentralen staatlichen, bilden eine Art Lackmustest für die Machtverhältnisse in der Stadt wie für die Bedeutung, die den Problemen des Studiums und der Anwesenheit der ausländischen Studenten beigemessen wurde. Die erste Episode ist allgemein bekannt und fällt in die Amtszeit des Vizelegaten Pier Donato Cesi, das heißt in eine Phase der zunehmenden Beschränkung der Autonomie und Freiheiten der Studentenschaft, was zu häufigen Auseinandersetzungen zwischen den Studenten und den lokalen Vertretern der Zentralgewalt führte. Der zweite Fall von Anwanderung, der großes Aufsehen erregte, fällt in die siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts. In den zentralen Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts war es nach dem aristokratischen Verhaltenskodex für einen Adeligen ehrenrührig, von der normalen Justiz belangt zu werden, die Polizisten hatten einen absolut schlechten Ruf und sich in der Öffentlichkeit bewaffnet zu zeigen bildete einen charakteristisches Kennzeichen des Aristokraten. Wie aus einem Gesuch der Studenten an den Papst hervorgeht, in dem sie um die Bestätigung dieser Erlaubnis bitten, stellt die Möglichkeit, Waffen zu tragen, ein Element der Abgrenzung des Edelmanns gegenüber den Personen aus der einfachen Bevölkerung dar und trägt zu seiner ‚Würde und Ehrbarkeit’ bei. 1672 ging die Abwanderung direkt auf eine Verletzung des den Mitgliedern der Nation erteilten Privilegs zum Waffentragen durch den Bargello zurück. Die dritte drohende Abwanderung der Natio Germanica fällt in der Mitte des 18. Jahrhunderts in die Amtszeit des Legaten Giorgio Doria. Zur Lösung der massiven finanziellen und wirtschaftlichen Probleme der Bologneser Legation und als Voraussetzung für ökonomische Reformen hatte der Legat Doria mit Unterstützung des Reformflügels des Senats Finanz- und Steuerreformen in die Wege geleitet, die die steuerlichen und finanzielle Privilegien in Frage stellten, deren sich unter anderem Scholaren und universitäre Kollegs erfreuten.
Frühneuzeitliche Universitätskulturen. Kulturhistorische Perspectiven auf die Hochschulen in Europa
75
96
C. Penuti
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