Wie ist Carl Dahlhaus' Konzeption der musikalischen Dramaturgie in Italien rezipiert worden – und welche Folgen hat sie gezeitigt? In den Jahren 1980-1992 sind 10 Monographien und etliche Aufsätze von Dahlhaus in italienischer Übersetzung erschienen – darüberhinaus ein breitangelegter Originalbeitrag zur Dramaturgie der italienischen Oper, eigens für die "Storia dell’opera italiana" verfasst (1988). Die Auswirkungen einer so intensiven Zufuhr des Gedankenguts des Berliner Musikwissenschaftlers haben sich vor allem auf dem Gebiet der Operngeschichtsschreibung spürbar gemacht. -- Den Ansporn zu einer Auseinandersetzung mit Dahlhaus' Verständnis der Operndramaturgie lieferten vor allem die Monographie zu "Wagners Konzeption des musikalischen Dramas" (1971) und der Aufsatz über Zeitstrukturen in der Oper (1981). Die Anwendung der Kategorien der ‘geschlossenen’ und ‘offenen Form in Drama’ auf die Musikdramen Wagners offenbarte die Ergiebigkeit einer vergleichenden Analyse moderner dramaturgischen Prinzipien im Bereich des Sprech- und Operntheaters im Fall Wagners – und eröffnete (gleichsam als kritisches Nebenergebnis) ungeahnte Perspektiven auf ein artikuliertes Verständnis der zeitgenössischen italienischen und französischen Operdramaturgie. Damit wurde es möglich, sie dem Geschichtsbild einer Gattungsentwicklung, welche teleologisch auf den Kulminationspunkt Richard Wagner gerichtet war, zu entreißen. Der Essai über Zeitstrukturen ebnete andererseits den Weg zu einer kritisch fruchtbaren Entschlüsselung der morphologischen Eigenarten und Konventionen italienischen Operntheaters. -- Die Grenzen dieses Ansatzes lassen sich leicht aufzeigen. Erstens lag bei Dahlhaus' Gesamtbild der ital. Oper der Hauptakzent sowieso auf das 19. Jahrhundert, was den Blick auf wichtige Spielarten der Gattung nicht verschärfen konnte. Zweitens interessierte Dahlhaus die Sphäre der Singkunst ('vocalità') nicht sonderlich, womit freilich ein wesentlicher Faktor musikalischer Dramaturgie unter den Tisch fiel. Drittens betonte zwar Dahlhaus die Notwendigkeit, die morphologischen Eigenarten der italienischen Oper unter die Lupe zu nehmen, gemäß dem Prinzip, dass jede theatralische Wirkung auf ihre kompositorische Ursache zurückgeführt werden soll; ihm war jedoch der Vorrat an musikalischen Form- und Gestaltungsprinzipien der italienischen Oper nicht so geläufig – insbesondere fehlte leider Dahlhaus die Zeit, den kritischen Ertrag der Untersuchngen von Harold Powers (1987) über die sogenannte solita forma zu berücksichtigen und einzuarbeiten. Diese Synthese haben zum Teil die italienischen Musikforscher geleistet, die der von Dahlhaus gezeigten Bahn gefolgt sind. -- Zum Schluss des Beitrags wird noch kurz die merk- und fragwürdige Opposition erwähnt werden, die das Dahlhaus’sche Verständnis der Dramaturgie italienischer Oper in postmodernen (angelsächsichen) Vierteln ausgelöst hat – was ja nicht wundert, wenn man nur bedenkt, dass seine Auffassung von Musik und Theater «durch und durch historisch» war, und deshalb durch die stilisierte Absage an den Geschichtssinn, welche die 'cultural studies' und den Postmodernismus kennzeichnet, ihres begrifflichen Halts beraubt wird.

Dramaturgie der italienischen Oper: Vorzüge und Grenzen einer vergleichenden Deutung

BIANCONI, LORENZO GENNARO
2011

Abstract

Wie ist Carl Dahlhaus' Konzeption der musikalischen Dramaturgie in Italien rezipiert worden – und welche Folgen hat sie gezeitigt? In den Jahren 1980-1992 sind 10 Monographien und etliche Aufsätze von Dahlhaus in italienischer Übersetzung erschienen – darüberhinaus ein breitangelegter Originalbeitrag zur Dramaturgie der italienischen Oper, eigens für die "Storia dell’opera italiana" verfasst (1988). Die Auswirkungen einer so intensiven Zufuhr des Gedankenguts des Berliner Musikwissenschaftlers haben sich vor allem auf dem Gebiet der Operngeschichtsschreibung spürbar gemacht. -- Den Ansporn zu einer Auseinandersetzung mit Dahlhaus' Verständnis der Operndramaturgie lieferten vor allem die Monographie zu "Wagners Konzeption des musikalischen Dramas" (1971) und der Aufsatz über Zeitstrukturen in der Oper (1981). Die Anwendung der Kategorien der ‘geschlossenen’ und ‘offenen Form in Drama’ auf die Musikdramen Wagners offenbarte die Ergiebigkeit einer vergleichenden Analyse moderner dramaturgischen Prinzipien im Bereich des Sprech- und Operntheaters im Fall Wagners – und eröffnete (gleichsam als kritisches Nebenergebnis) ungeahnte Perspektiven auf ein artikuliertes Verständnis der zeitgenössischen italienischen und französischen Operdramaturgie. Damit wurde es möglich, sie dem Geschichtsbild einer Gattungsentwicklung, welche teleologisch auf den Kulminationspunkt Richard Wagner gerichtet war, zu entreißen. Der Essai über Zeitstrukturen ebnete andererseits den Weg zu einer kritisch fruchtbaren Entschlüsselung der morphologischen Eigenarten und Konventionen italienischen Operntheaters. -- Die Grenzen dieses Ansatzes lassen sich leicht aufzeigen. Erstens lag bei Dahlhaus' Gesamtbild der ital. Oper der Hauptakzent sowieso auf das 19. Jahrhundert, was den Blick auf wichtige Spielarten der Gattung nicht verschärfen konnte. Zweitens interessierte Dahlhaus die Sphäre der Singkunst ('vocalità') nicht sonderlich, womit freilich ein wesentlicher Faktor musikalischer Dramaturgie unter den Tisch fiel. Drittens betonte zwar Dahlhaus die Notwendigkeit, die morphologischen Eigenarten der italienischen Oper unter die Lupe zu nehmen, gemäß dem Prinzip, dass jede theatralische Wirkung auf ihre kompositorische Ursache zurückgeführt werden soll; ihm war jedoch der Vorrat an musikalischen Form- und Gestaltungsprinzipien der italienischen Oper nicht so geläufig – insbesondere fehlte leider Dahlhaus die Zeit, den kritischen Ertrag der Untersuchngen von Harold Powers (1987) über die sogenannte solita forma zu berücksichtigen und einzuarbeiten. Diese Synthese haben zum Teil die italienischen Musikforscher geleistet, die der von Dahlhaus gezeigten Bahn gefolgt sind. -- Zum Schluss des Beitrags wird noch kurz die merk- und fragwürdige Opposition erwähnt werden, die das Dahlhaus’sche Verständnis der Dramaturgie italienischer Oper in postmodernen (angelsächsichen) Vierteln ausgelöst hat – was ja nicht wundert, wenn man nur bedenkt, dass seine Auffassung von Musik und Theater «durch und durch historisch» war, und deshalb durch die stilisierte Absage an den Geschichtssinn, welche die 'cultural studies' und den Postmodernismus kennzeichnet, ihres begrifflichen Halts beraubt wird.
Carl Dahlhaus und die Musikwissenschaft. Werk, Wirkung, Aktualität
64
78
L. Bianconi
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